Roots / Fragment 02
Ein literarisches Fragment über den Preis der Moderne
Fabienne Sohna
5/21/20262 min read


Der Preis der Moderne
Stillen und Tragen galten nicht immer als selbstverständlich. In weiten Teilen Europas wurden sie lange mit Armut assoziiert. Mit dem, was man tut, wenn man keine andere Wahl hat. Wer es sich leisten konnte, kaufte Milchpulver. Wer modern war, schob den Kinderwagen. Wer gebildet war, legte das Kind ins eigene Bett. Nähe wurde zum Makel. Distanz zum Statussymbol.
Das klingt wie Vergangenheit. Aber es wirkt bis heute – in dem leisen Zweifel ob man sein Kind zu viel trägt. In der Frage ob man es verwöhnt. In dem Gefühl, rechtfertigen zu müssen was eigentlich das Natürlichste der Welt ist.
Care wurde zur Ware gemacht.
Körperliche Nähe produziert keinen Profit. Stillen braucht keine Fabrik, kein Produkt, keine Werbung. Ein Tuch hält über Generationen. Ein Kinderwagen, Milchpulver, Flaschen, Sterilisatoren, Babyphones dagegen schaffen Märkte.
Wo Care kostenlos und selbstverständlich war – geteilt, kollektiv, eingebettet in Gemeinschaft –, wurde sie zur Ware gemacht. Mutterschaft wurde privatisiert: in die Kleinfamilie gedrängt, individualisiert, aus dem Dorf in die Wohnung verlagert. Und dann als Produkt zurückverkauft.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Es ist Wirtschaftsgeschichte. Und es erklärt, warum so viele Mütter heute das Gefühl haben, allein zu sein obwohl sie alles richtig machen.
Die stille Subvention
Die Ökonomen Jason W. Moore und Raj Patel haben beschrieben, wie billiges Care immer das unsichtbare Fundament kapitalistischer Systeme war. Nicht nur Arbeit wurde billig gemacht. Auch Fürsorge.
Die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen war die stille Subvention des westlichen Wohlstands. Was Mütter taten – tragen, stillen, trösten, erziehen, heilen – wurde nicht gezählt, nicht bezahlt, nicht anerkannt. Es war selbstverständlich. Und genau deshalb unsichtbar.
Silvia Federici hat gezeigt, wie in Europa die Hexenverfolgung eng mit der Entwertung von Frauenwissen zusammenhing – von Heilkunde, von Geburtshilfe, von der Autorität über den eigenen Körper. Was Frauen über Jahrhunderte weitergegeben hatten, wurde kriminalisiert, als die neue Ordnung dieses Wissen unter Kontrolle bringen musste.
Quellen: Jason W. Moore & Raj Patel, A History of the World in Seven Cheap Things (2017) | Silvia Federici, Caliban and the Witch (2004)
Das Dorf wurde aufgelöst
Der Kolonialismus tat dasselbe in Afrika: Traditionelle Gemeinschaftsstrukturen wurden zerstört. Das Dorf, das Netz aus Müttern, Tanten, Großmüttern, Nachbarinnen, das ein Kind und eine junge Mutter trugen, wurde aufgelöst. Die kollektive Fürsorge wurde durch die isolierte Kleinfamilie ersetzt.
Und heute, in vielen urbanen Zentren Afrikas, wiederholt sich das Muster. Milchpulver gilt als modern. Tragen als rückständig. Der Kinderwagen als Zeichen des Aufstiegs – auch wenn nur wenige Straßen geeignet sind, den Wagen komfortabel zu schieben.
Dieselbe Logik. Andere Bühne. Anderer Kontinent.
Das ist keine Vergangenheit. Es ist Gegenwart.
Wenn wir verstehen, warum Naehe fehlt – nicht durch persönliches Versagen, sondern durch System –, können wir aufhören uns zu beschuldigen. Und anfangen, anders zu fragen.
Nicht: Warum schaffe ich das nicht alleine?
Sondern: Warum wurde ich allein gelassen?
Nicht: Verwöhne ich mein Kind mit zu viel Nähe?
Sondern: Wer hat mir beigebracht, Nähe zu misstrauen?
Rooted Motherhood ist die Einladung, diese Fragen zu stellen. Und die Antwort zu leben: Nähe ist keine Schwäche. Care ist kein Luxus. Verwurzelung ist kein Rückschritt.
Sie sind das Älteste was wir haben. Und das Dringendste.